Gedanken zur Pflege der Kinder-und Jugendstimme

Ich bin davon überzeugt, dass Singen alle Grundbedürfnisse des Menschen erfüllen kann und deshalb einen unschätzbar wertvollen Beitrag zum gesunden, guten Heranwachsen unserer Kinder und Jugendlichen leisten kann.

Kann es jedoch sein, sich damit zu begnügen, überhaupt  und irgendwie zu singen?

Aufgrund meiner langjährigen Arbeit  als Gesangspädagogin, Vokaldozentin und auch als Kinder- und Jugendstimmbildnerin ist es mir ein Bedürfnis, mit Ihnen einige Besonderheiten zur Pflege der Kinder- und Jugendstimme zu teilen und auf immer wiederkehrende Fragen einzugehen.

PHYSIOLOGISCHE BESONDERHEITEN

Die Kinderstimme ist physiologisch gesehen der Erwachsenenstimme fast völlig gleich.
Jedoch ist sie deshalb so sensibel zu behandeln, da sie sich eben noch im Wachstum befindet und daher so stark (ver-)formbar, bzw. beeinflussbar ist.  Vor allem die Größenverhältnisse von Kopf und Rumpf eines Kindes stehen den Proportionen eines Erwachsenen gegenüber im genauen Gegensatz. Allein aus den physischen Gegebenheiten des kindlichen Körpers ist zu erkennen, dass die Kopfresonanzen und somit die Kopf- bzw. Randstimmfunktion  bei der Kinderstimme besonders  dominant ist. Die übrigen Resonanzräume (vor allem der Brustraum) dementsprechend weniger klangprägend. 

WAS SIND DIE HERAUSFORDERUNGEN?

VORBILDER

Eltern heutiger Kinder stammen häufig selbst aus Familien, in denen zum größten Teil nicht oder kaum mehr gesungen wurde. Der unbestritten vorhandene Drang jedoch, von Kindern zum Singen, wird daher im kaum mehr gefördert und sucht sich seine eigene Bahn.

MEDIEN

Eine weitere Problematik kann die elektronisch konsumierte Musik sein, welche meist Pop-Songs beinhalten, deren Lage zum Mitsingen häufig viel zu tief für die Kinderstimme ist. Wegen der meist lauten und harten Schlagzeugbegleitung ist zudem große Lautstärke gefordert, was in tiefer Lage zu forciertem Stimmeinsatz und zu „bruststimmigem“ Singen führt.

Auch möchte ich an dieser Stelle sogenannte Talentshows, wie z.B. „Voice Kids“ erwähnen. Viele Kinder entwickeln hier völlig falsche und unrealistische Wunschvorstellungen. Diese wenige Minuten anhaltende Show eines  Kindes, was dann bejubelt und preisgekrönt wird, sieht so einfach aus. Darüber, dass viele Stunden härteste Arbeit und Üben dahinter stehen, machen sich Kinder keine Vorstellung. Hier handelt es sich meist auch um gecoverte Songs, die ursprünglich von Erwachsenen  Stimmvorbildern stammen. Wie gesund es für die Kinderstimme ist, Erwachsenenstimmen zu imitieren, wie authentisch und somit gesund diese Kinder nun gesangstechnisch geführt sind, möchte ich demnach in Frage stellen.

SINGEN OHNE KOMPETENTE ANLEITUNG

Oft ist im Klassen-Musik-Unterricht aber auch in Kinderchören ein sehr ungünstiger, roher und grober Stimmeinsatz in tiefer Sprechstimmlage zu hören. Das Ergebnis  gleicht dann eher einem lauten Rufen oder auch Grölen. Das kann manchesmal regelrecht an Körperverletzung grenzen. „Bitte lieber garnicht singen, als so singen!“ möchte ich da laut ausrufen.

MÖGLICHE FOLGEN NICHT KINDGERECHTER STIMMNUTZUNG

Werden die Kinder daran gewöhnt, auf diese Weise zu singen, wird ihre Stimme bestenfalls immer unflexibler und verliert die Fähigkeit, leicht und frei ihren gesamten Stimmumfang  zu nutzen. Im fortgeschritteneren Stadium des ungünstigen Stimmgebrauchs verlernen die Kinder die Tonproduktion oberhalb des c2 und somit der gesamten Höhe, da die Stimmfalten dauerhaft verkrampft und fest sind und mit zu viel Stimmlippenmasse und Kraft gesungen wird. Die Singfähigkeit ist nun eingeschränkt auf die Sprechstimmlage und bekommt den charakteristischen harten, rauen, oft heiseren Klang. Das hat  meist auch die Folge, dass das Singen an sich keine Freude mehr bereitet. Es wird als zu anstrengend empfundenen. Im schlimmsten Falle einer negativen Beeinflussung und ungünstigem Stimmgebrauch können auch organische Schäden entstehen, die mitunter irreparabel sein können.

Das Resultat ist, dass das wundervollste, jedem Menschen ureigenste Instrument „Stimme“ schon in jungen Jahren als untauglich „beiseite gelegt“ wird. Wie traurig! Der in diesem Zusammenhang unzählige Male gebrauchte Satz: „Ich kann nicht singen“ oder „meine Stimme ist hässlich“, spricht für sich. 

FAZIT

Erste Priorität bei der Hinführung zum Singen muss daher meiner Meinung nach das Ziel der gesunden Stimmentwicklung sein. Damit sich die kindliche Stimme, die naturgemäß wesentlich zarter, heller, schwebender und leichter ist  als die eines  Erwachsenen, störungsfrei entfalten kann, gilt es, mit Freude und Entdeckergeist die richtigen Atemfunktionen zu wecken  (z.B. Zwerchfell/ Tiefatmung), bei der Stimmgebung jegliche Reibung, zu hohen Druck  und Muskelverkrampfungen an den Stimmfalten zu vermeiden und beim Singen eine für die Kinderstimme  angemessene, bzw. angenehme Tessitura (Stimmlage) auszuwählen. Die Grundlegendste Aufgabe im Umgang mit Kinderstimmen sehe ich also darin, diese auch kind- und naturgerecht zu behandeln, zu pflegen, zu fördern und sich gemeinsam mit dem singbegeisterten Jugendlichen auf die Abenteuerreise zu begeben, um die Besonderheit eines jeden Individuums und Stimmklangs herauszuarbeiten. Für welche Art von Musik jeder sein Instrument Stimme später  benützen möchte, soll frei entschieden werden dürfen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn im Kindesalter durch positive Singerfahrung und richtigen Gebrauch die Singstimme nicht beschädigt und/ oder in ihrer Funktion eingeschränkt wurde.