Singen- oder die Befriedigung aller Grundbedürfnisse


„Singen ist nicht nur Kulturgut, sondern Essential der Menschwerdung, des Menschseins“ (Prof. Dr.Dr. Gerald Hüter)

Singen gibt uns so viel! Singen ist so viel! Singen kann so viel! Ich bin mittlerweile zutiefst davon überzeugt, dass Singen alle Grundbedürfnisse des Menschen erfüllen kann und deshalb einen unschätzbar hohen Wert für das Mensch-Sein hat.

Die 6 menschlichen Bedürfnisse oder wie Tony Robbins sie nennt “The six human needs” sind die Dinge, die uns im Leben antreiben, Lust und Freude bereiten, uns glücklich machen.  Unterbewusst bestimmen sie alle unsere Entscheidungen und formen und bestimmen damit unser Leben. Im Folgenden stelle ich einige Thesen auf, die ich anschließend belegen möchte.

  1. Zum Bedürfnis nach Gewissheit und Sicherheit

SINGEN macht mutig

SINGEN stärkt das Selbstbewusstsein

SINGEN in Gemeinschaft schafft Sicherheit und Schutz  

SINGEN löst Angst

SINGEN erzeugt eine hohe Form von Kohärenz

SINGEN macht glücklich

Der Mensch verlangt nach  Sicherheit und Gewissheit. Zu viel Neues und Ungewisses erzeugt Stress. Beim Singen sind wir auf sehr intensive Weise in Verbindung und Kontakt mit unserem eigenen Selbst. Singen hat eine sehr stark zentrierende Wirkung und somit eine sicherheits- und vertrauensgebende Funktion. Die Funktion des Singens ist uralt und war bereits in uns verankert, bevor wir überhaupt sprechen konnten. Nicht zufällig entstanden unter schwierigen Bedingungen wie z.B. in Gefangenschaft, Zwangsarbeit oder Sklavenhaltung sogenannte „Worksongs“ oder „Chaingang Songs“ (Lieder von Häftlingen). Das Singen verleiht in diesem Zusammenhang besonders viel Kraft und Mut. Aber auch„Herding Songs“, die  gesungen wurden, um Viehherden auf dem Viehtrieb während der Nacht zu beruhigen, beweist, welch positiv beruhigend und  vertrauensgebend die Wirkung von Gesang sein kann. Nicht zu vergessen ist hier natürlich das Schlaf- oder Gute Nacht Lied. Hier wird durch die Stimme Geborgenheit, Schutz und Sicherheit erzeugt und übertragen wird.

2. Zum Bedürfnis nach Abwechslung und Weiterentwicklung

SINGEN lässt uns über uns hinaus wachsen

SINGEN befriedigt Entdeckerfreude 

SINGEN bereitet Gestaltungslust

SINGEN fordert heraus

SINGEN macht glücklich

Wir haben sogar ein Sprichwort dafür: „Abwechslung ist die Würze des Lebens“. Neben dem Komfort von Sicherheit und Gewissheit sehnt sich der Mensch ebenso nach  Befreiung von Langeweile, dem Voraussehbaren und der Stagnation. Singen lässt keine Stagnation zu, denn Stimmentwicklung ist Persönlichkeitsentwicklung und ist ein lebenslanger Prozess. Stimmentwicklung und Singen fordern heraus, es gibt unendliche Melodien, Rhythmen, Musikrichtungen oder Klangfarben, denen wir uns mit unserer Stimme widmen können. Singen ist darum immer wieder neu, aufregend und beglückend. 

 3. Das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und  Individualität

SINGEN ist Selbstausdruck

SINGEN ist das Bespielen des ureigensten Instrumentes, das es gibt

SINGEN schafft die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Selbstregulation

SINGEN macht glücklich

Eines des Wohl stärksten Strebens des Menschen ist das nach persönlicher Bedeutung und Wichtigkeit vor den Augen anderer. Du möchtest deine eigene Identität erschaffen und zeigen. Beim Singen wird durch das Bedienen des ureigensten Instrumentes Stimme mit dem ganz individuellen Timbre, durch das Vermögen, ganz bestimmte Töne, Tonfolgen, Stimmungen, Klangfarben und Wirkungen zu erzielen, genau dieses in hohem Maße befriedigt. Mit keinem anderen Instrument ist die Möglichkeit des Selbstausdrucks so stark wie mit der Stimme.

4. Das Bedürfnis nach Verbindung, Gemeinschaft und Liebe

SINGEN verbindet

SINGEN verbindet Individuum und  Autonomie mit  Gemeinschaft und Verbundenheit

SINGEN schafft individualisierte Gemeinschaften

SINGEN schafft die Erfahrung, Teil von einem großen Ganzen zu sein

SINGEN ist zutiefst menschlich.

SINGEN ist in Klang umgewandelte Emotion

SINGEN macht glücklich

Auf der anderen Seite sind und bleiben wir soziale Wesen, die sich nach Nähe und Liebe,   Geborgenheit und Zugehörigkeit sehnen. Durch kein anderes Instrument als die Stimme wurde und wird die Liebe mehr besungen. Außerdem steht der Sänger mit seinem Gesang auch immer in Beziehung und Bindung. Sei es mit dem Chor, mit anderen Sängern, mit dem Orchester, anderen Musikern, oder einfach “nur“ mit dem Zuhörer oder sich selbst. Gesang ver-bindet , besingt Liebe oder/und sendet sie. 

5.Das Bedürfnis nach Sinn

SINGEN erbaut

SINGEN macht glücklich

SINGEN setzt Endorphine frei

SINGEN schafft Selbstheilung 

SINGEN transzendiert

SINGEN ist das Medium der Seele

SINGEN macht glücklich

Auch die Sehnsucht nach einem tieferen Sinn von allem, das Bedürfnis, mental, emotional und spirituell zu sein und zu wachsen, durchzieht unser Leben unterbewusst wie ein roter Faden. Im Gesang kann auch dieses menschliche Grundbedürfnis gelebt und gestillt werden. In allen religiösen Traditionen wird Gesang mit Gebet, Lobpreis, Spiritualität und einer Art sich zu etwas höherem emporzuschwingen, verbunden.

6. Das Bedürfnis, einen Beitrag zu leisten 

SINGEN transformiert

SINGEN kehrt das Innerste nach außen

SINGEN beschenkt

In diesem Bereich streben wir danach, unsere eigene Mission zu leben. Zu etwas beizutragen, das größer ist, als wir selbst. Wir wollen anderen Menschen einen Mehrwert in ihrem Leben schaffen.

Durch Singen leistet man einen Beitrag, indem man Musik wiedergibt, welche  transformiert und im besten Fall beschenkt. Der Sänger schenkt seine Stimme, schenkt sich selbst.

Schließen möchte ich meine Gedankengänge wieder mit Worten des Hirnforschers und Neurobiologen Prof. Dr. Dr. Gerald Hüter: „Singen birgt einen unglaublichen Wert… Jedes Individuum kommt zuerst in seine eigene Kraft, was schon ein großer Schritt hin zur Menschwerdung ist. Dann verbinden sich alle miteinander, woraus etwas komplett neues entsteht… Ein solcher Vorgang könnte der Anfang einer jeglichen gesellschaftlichen Transformation werden.“

(Aus dem Vortrag: „Der Anteil des Singens an der Menschwerdung des Affen“.)